Jacht mit Hybrid-Antrieb

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Wo selbst Segler schwach werden

Lautlos übers Wasser gleiten und kaum Kraftstoff verbrauchen. Während das kleine Sportboot mit Elektroantrieb an seine Grenzen kommt, wird es bei grösseren Jachten interessant.

Ihre Boote liegen Seite an Seite im Hafen. Doch die weltanschaulichen Gräben zwischen Seglern und Motorbootfahrern sind tief. Bestenfalls grüsst man mit höflicher Herablassung. Umso erstaunlicher war es, zu sehen, wer sich für die zwei stattlichen Motorjachten interessierte, welche die Schweizer Bodensee-Werft Pro Nautik an der diesjährigen Interboot in Friedrichshafen ausstellte. «Wir haben viele ehemals passionierte Segler als Kunden, die nach einer bequemeren Alternative suchen, die sie mit ihrer Lebenseinstellung vereinbaren können», sagt Silvia Matzinger von Pro Nautik. Zuerst fallen die Greenline-Boote durch ihr gelungenes Design auf, eine Mischung aus klassischer Luxusjacht und wohnlichem Flussschiff. Doch unter der «Motorhaube» steckt viel Innovation.

«Tesla» zu Wasser

Alternative Antriebe auf Wasser hatten lange ein ähnliches Schicksal wie jene in der Autowelt. Auf Messen wurde ihnen wohlwollende Aufmerksamkeit zuteil, beim breiten Publikum lösten sie aber kaum Kauflust aus. Wenn der Schweizer Bootsbauer Boesch heute gut einen Drittel seines Umsatzes mit Elektroantrieb macht, verdankt er dies dem Gesetzgeber in den Nachbarländern. Auf österreichischen und bayrischen Seen wird kaum mehr ein Boot mit Verbrennungsmotor zugelassen - oder höchstens mit dem Kauf einer bis 300 000 Euro teuren Lizenz. Da lohnt sich der Aufpreis für die Elektro-Ausrüstung des edlen Mahagonibootes aus der Kilchberger Werft. Das kann dann schnell einmal doppelt so viel kosten wie das gleiche Boot mit Benzinmotor.

Boesch gehört zu den Pionieren in diesem Segment. Die 620 Acapulco Electric Power, die an der Interboot Probe gefahren werden konnte, erreicht mit der höchsten Motorisierung von 100 Kilowatt eine Höchstgeschwindigkeit von 58 Kilometern pro Stunde. Würde man allerdings mit Vollgas etwa den Zürichsee hochpreschen, müsste man in Rapperswil einen sehr ausgedehnten Lunchhalt einplanen, damit für die Rückfahrt die Batterien wieder geladen werden könnten. An der Interboot war auch ein extrem leichter Campion Bowrider mit einen 180 PS starken E-Fusion-Aussenborder zu sehen. Mit dieser Rennmaschine wird dank dem höheren Drehmoment des Elektromotors auch Wasserski zur neuen Erfahrung. Doch trotz dem enormen Fortschritt der Lithium-Polymer-Akkus ist nach einer halben Stunde Vollgas Schluss. Dazu kommt der hohe Preis von rund 55 000 Franken allein für den Motor. Vermutlich tut man der Promotion alternativer Bootsantriebe keinen Gefallen, wenn man allein den Speed-Bereich anvisiert. Der «Tesla auf Wasser» wird die gleichen Akzeptanzprobleme haben wie der Sportwagen.

Erfolgsgeschichte

Im Hafen von Romanshorn liegt eine Greenline 33 Hybrid. Eine überzeugende, elegante Raumlösung auf den 10 Metern Länge macht Lust auf einen längeren Törn. Der stolze Eigner war einer der ersten, die sich an der Interboot 2009 begeistern liessen. Er übernahm sie zur nächsten Saison mit einem Tank, gefüllt mit 350 Litern Diesel. Im Sommer 2013 kam er erstmals wieder zur Zapfsäule.

Greenline ist eine Erfolgsgeschichte. 350 Jachten wurden weltweit bisher verkauft, 35 allein am Bodensee. Der slowenische Technologiekonzern Seaway kombinierte bei diesem Schiff das Beste aus allen Energiequellen.

Ein typischer Tag mit dem Spar-Künstler auf See könnte etwa so aussehen: Über Nacht ist über den normalen Stromanschluss am Steg die Batteriebank geladen worden. Nahezu geräuschlos gleitet das Schiff aus dem Hafen. Die patentierte Rumpfform mit Anleihen beim U-Boot verursacht kaum Wellen und minimiert zusätzlich den Energieverbrauch. Mit der Geschwindigkeit einer Segeljacht bei mittlerem Wind wird zwei Stunden gefahren bis zum Ankern in der Badebucht. Der Wein kommt aus dem Kühlschrank mit 230-Volt-Anschluss wie zu Hause, die Quiche kann im Ofen aufgebacken werden, danach läuft die Espressomaschine. Während die Passagiere sonnen, lädt das von der Ingenieurschule Biel mitentwickelte Solardach die Batterien und lässt auch noch die Musikanlage erklingen. Auf dem Rückweg zieht schlechtes Wetter auf, der Hebel wird umgelegt und der Dieselmotor gestartet. Jetzt wird mit Tempo 40 davongebraust - und dabei werden erst noch die Batterien geladen.

In einer Saison soll das Schiff so nicht mehr Energie verbrauchen und CO2 ausstossen als ein Segelboot gleicher Länge. Anders als bei den Sportbooten wird es hier auch beim Anschaffungspreis interessant. Die Greenline 33 mit Hybrid-Solar-Ausrüstung kostet rund 207 000 Franken. Das sind nur 5 Prozent mehr als eine vergleichbare Jacht mit konventioneller Motorisierung. Dabei sind die Einsparungen beim Betrieb noch nicht eingerechnet. Kein Wunder, dass da so mancher sein Segel einholt.

Und wem das Mittelmeer oder die Küsten Europas nicht mehr reicht, auf den wartet die Greenline OceanClass mit Schiffen bis 27 Meter Länge.

Korrekturhinweis: In der ersten Fassung dieses Artikels wurde fälschlichweise der Preis für den E-Fusion-Motor mit 95'000 Franken angegeben. Soviel kostet aber Motor inklusive Boot.

Autorin: Ruth Spitzenpfeil

Original mit Video: http://www.nzz.ch/lebensart/auto-mobil/eine-motorjacht-die-segler-schwach-werden-laesst-1.18168563